Grenzwerte in der Kritik

Zum Schutz der Gesundheit sind in der 26. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (Verordnung über elektromagnetische Felder – 26. BImSchV). Grenzwerte für die elektrischen und magnetischen Feldstärken von Sendeanlagen festgelegt. Mit den Grenzwerten sind Frequenzbereiche von 9 kHz bis 300 GHz erfasst – also auch die Bereiche, die durch die neue 5G-Technologie genutzt werden. Mobilfunkanlagen dürfen nur errichtet und betrieben werden, wenn sichergestellt ist, dass die Grenzwerte nicht überschritten werden.

Die Risikobewertung, die den Grenzwerten der 26. BImSchV zugrunde liegt, beruht auf Expertisen des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) und der Strahlenschutzkommission sowie auf Veröffentlichungen interdisziplinär besetzter Fachgremien, wie der ICNIRP (International Committee on Non-Ionising Radiation Protection).

Kritk an der ICNIRP:

ICNIRP ist ein in Deutschland eingetragener Verein, der bald nach seiner Gründung im Jahr 1992 weltweit den Standard für die gesetzlichen Grenzwerte zum Schutz vor elektromagnetischer Strahlung setzte. Die meisten europäischen Regierungen folgen mit ihren nationalen Strahlenschutzgrenzwerten den Richtlinien von ICNIRP.
Die Kommission beruft ihre Mitglieder selbst. Fachleute, die der Meinung sind, es gebe genügend wissenschaftliches Hinweise, um strengere Sicherheitsstandards zu setzen, sind nicht vertreten.“

Die von ICNIRP empfohlenden Grenzwerte beziehen sich:

  • nicht auf nicht-thermische, biologisch-medizinische Wirkungen in den Zellen, der eigentlichen Gefahr, sondern nur auf den Erwärmungseffekt.
  • nicht auf gepulste oder anders modulierte Mikrowellenstrahlung des Mobilfunks, sondern nur auf konstante Mikrowelleneinstrahlung.
  • nicht auf Langzeitwirkungen. Die Richtlinien (ICNIRP) selbst sagen aus, dass der Grenzwert nur vor „kurzfristigen, unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen“ durch „erhöhte Gewebetemperaturen“ schützt.
  • nicht auf lebende Organismen. Der „Erwärmungsschutz“-Grenzwert wurde durch Messungen am toten Gewebe (Gelatine und Leichen) festgelegt.

Seriöse Forschungen weisen laut der Verbraucherschutzorganisation diagnose:funk vor allem auf den Zeitfaktor hin und bringen ihn in Verbindung mit der Dauernutzung des Handys und der Dauerbestrahlung durch Basisstationen. Intensität x Zeit = Wirkung; dieser kumulative Effekt wurde in der Grenzwertfestlegung unterschlagen. Der Grenzwert hat weder einen Bezug zur Zeit noch zur Biologie.

Zwei ehemalige Mitglieder der ICNIRP haben kritisch Stellung zu den Grenzwerten bezogen. So argumentierte Prof. Jürgen Bernhardt bereits 1997 in einem 3Sat Interview (‚Risiko Elektrosmog‘, 29. Januar 1997) auf die Frage nach den Grenzwerten: “Zweifelsfrei verstanden haben wir bei den hochfrequenten Feldern nur die thermische Wirkung, und nur auf dieser Basis können wir derzeit Grenzwerte festlegen. Es gibt darüber hinaus Hinweise auf krebsfördernde Wirkungen und Störungen an der Zellmembran“. Auf die Frage des Fernsehjournalisten, warum man die Grenzwerte ohne ausreichendes Wissen um die biologische Gefährlichkeit festlegt und warum man diese nicht beim geringsten Anzeichen einer Gefahr vorsorglich senkt, antwortete er: „Wenn man die Grenzwerte reduziert, dann macht man die Wirtschaft kaputt, dann wird der Standort Deutschland gefährdet.“ (Grasberger/Kotteder, Mobilfunk – Freiland Versuch am Menschen, S. 104)

Brisant sind zudem die Aussagen von Prof. James C. Lin, dass sich die bestehenden Grenzwerte nur auf Kurzzeitexpositionen beziehen und sie damit für die Bewertung von Dauerexpositionen durch Sendeanlagen und Smartphones untauglich macht. Professor Lin wies eindeutig die Karzinogenität von Mobilfunkstrahlung nach. „Es ist an der Zeit, dass die IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung) ihre frühere auf epidemiologischen Ergebnissen beruhende Einstufung zur Exposition hochfrequenter elektromagnetischer Felder im Hinblick auf deren Karzinogenität für den Menschen verschärft.“

Fazit: Die ICNIRP scheint als Lobbyverein den Ausbau der Mobilfunkinfrastruktur und nicht unsere Gesundheit zu schützen.

Im Juni 2020 wurde eine Untersuchung über ICNIRP (International Committee on Non-Ionising Radiation Protection) veröffentlicht, die Michèle Rivasi und Prof. Klaus Buchner, zwei EU-Abgeordnete aus Frankreich bzw. Deutschland, in Auftrag gegeben haben. Deutscher Titel ‚Die Internationale Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung: Interessenkonflikte, „Corporate Capture“ und der Vorstoß zum Ausbau des 5G-Netzes‘.

Nur soviel: Das Ergebnis dieses Berichts kommt einem Skandal gleich. Deutschland behauptet wie die meisten Länder der westlichen Welt, Funkstrahlung sei ungefährlich, solange sie unter den Grenzwerten liege, die ICNIRP empfohlen hat. Das geschieht in dem Glauben, ICNIRP Mitglieder seien unabhängige Wissenschaftler, die frei von Interessenskonflikten sind. Die Untersuchung hat das Gegenteil nachgewiesen und kam zu dem Fazit: Die Mobilfunk-Industrie bestimmt ihre eigenen Grenzwerte!

Der ‚Tagesspiegel‘ hat zur Verflechtung von ICNIRP Mitgliedern zu anderen Institutionen eine interaktive Karte dargestellt, die es sich wirklich lohnt, anzusehen.

Kritik am Bundesamt für Strahlenschutz:

Unter seiner Präsidentin Dr. Inge Paulini verharmlost oder unterschlägt es reihenweise wichtige internationale Studienergebnisse zu Mobilfunkstrahlung und Gesundheit (wie zum Beispiel die aktuelle NTP- und die Ramazzini-Studie). Dabei handelt es sich um über 500 Studien zu zellverändernden Wirkungen durch Handy- und WLAN-Strahlung. Außerdem verstößt das Bundesamt für Strahlenschutz eklatant gegen das Vorsorgeprinzip, da es entgegen gängiger wissenschaftlicher Praxis erst handeln will, wenn der vollständige Schädigungsmechanismus von hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung bekannt ist. Jörn Gutbier, Vorsitzender der Verbraucherschutzorganisation diagnose:funk argumentiert: „Das, was Präsidentin Dr. Inge Paulini leitet, ist eher eine Schutzbehörde der Mobilfunk-Industrie als eine Behörde zum Schutz der Bevölkerung vor Gesundheitsschäden durch Mobilfunk- und WLAN-Strahlung. Doch die internationale Studienlage zeigt so viele eindeutige Hinweise auf vielfältige und ernstzunehmende Gesundheitsschäden, dass das Bundesamt dringend seine Ausrichtung selbstkritisch überdenken muss.“

Weiter wird dem BfS sogenannter Kausalitätsbetrug bei Mobilfunkstudien vorgeworfen: „Die Forderung nach Kausalität ist vorgeschoben, um keine Vorsorge- und Schutzpolitik einleiten zu müssen, sie legitimiert vielmehr wirtschaftliche Interessen. Dem BfS gehen die Argumente aus, seit die Studienlage zu Gesundheitsschäden durch Mobilfunkstrahlung immer klarer wird. Und den Entwarnungen aus dem BfS glauben nur noch 37 Prozent der Bürger, das zeigt die BfS-Umfrage ‚Was denkt Deutschland über Strahlung?‘ von 2019. Das Bundesamt für Strahlenschutz muss sich von der Verharmlosungspolitik, die es mit der Kausalitätstheorie kaschiert, verabschieden und sich stattdessen auf seine Schutzaufgaben besinnen, also für Vorsorgepolitik eintreten.“
Quelle: diagnose-funk

Am 15.5.2020 richtete diagnose:funk einen offenen Brief mit Handlungsoptionen an die Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz, Dr. Inge Paulini. Eine Neuinterpretation der Studienlage sei erforderlich, die sich nicht an der ICNIRP orientiert. Das EMF-Portal der RWTH Aachen müsse wieder finanziert werden, um Hochfrequenzforschungen zu dokumentieren und auszu­werten. Auf dieser Grundlage müssten neue Leitlinien zum Strahlenschutz erarbeitet werden, unter Beteiligung von Wissenschaftlern aller Fachrichtungen und diagnose:funk.

Zu guter Letzt: Der Soziologe Ulrich Beck beschreibt in seinem Buch ‚Weltrisikoge­sellschaft‘, wie Gefahren „im Legitimationszirkel von Verwaltung, Politik, Recht und Management normalisiert werden und ins unkontrollierbar Globale wachsen … Die zweckrationale Bürokratie verwandelt Alltäterschaft in Freispruch“ (2007, S. 172).